Samstag, 21. Januar 2012

Ostfriesische Reisegruppe


Es war letzten Sommer. Drei Blondinen, reisen für ein Wochenende aus dem beschaulichen Schwabenland in die große Stadt. BERLIN. Dank ihrem Navigationsgerät "Babs" erreichen sie den Ort des Geschehens flott und ohne Umwege: den Prenzlauerberg. Heimat zahlloser glücklicher Pärchen mit zahllosen Kindern. 
Ganz vereinzelt gibt es noch ein paar Singles, Überbleibsel aus den Neunzigern, die den Moment verpasst haben in einen anderen Kiez zu ziehen, sich gegen die angebliche Verspießerung vom Prenzelberg auflehnen oder insgeheim hoffen, selbst doch noch Teil dieser Kinderwagenschiebenden Pärchen zu werden. Ein weibliches Exemplar davon, Wahlberlinerin, gebürtige Schwäbin, wohnt in der Wichertstraße. Direkt über einem Tättoostudio, neben einer Eckkneipe. 
Ein paar Runden um den Block gedreht und das Schwabenauto steht sicher geparkt, im Kiez. Die kleine, zugegebenermaßen etwas dunkle und kalte Wohnung in der Wichertstraße, von der Bewohnerin auch liebevoll Gletscherspalte genannt, ist schnell in Beschlag genommen.   

Kurze Zeit später, gegen 23 Uhr, verlassen die Schwabenmädels aufgehübscht die Gletscherspalte, fest entschlossen, Berlin heute Nacht zu erobern. Es folgen ihnen auch schon zwei männliche Gäste aus der Eckkneipe nebenan.
„Kick ma, dat is die ostfriesische Reisegruppe. Die Mädels sind heut Nachmittag hier anjereist mit ihren Köfferchen. Da trug die Dame rechts noch ne Brille. 
Nu seid doch nich so schüchtern – ihr seid hier in’ ner großen Stadt, da kommt et schon mal vor, dass de anjequatscht wirst.“
Und da die Mädels in ihrem ganzen bisherigen Leben noch nie von irgendwelchen fremden Männern anjequatscht wurden, waren sie für den Moment einfach nur froh, dass sie nicht als Schwaben erkannt wurden, sondern als bodenständige Ostfriesen. 
Wo doch einige Wochen vorher in einer anderen großen Stadt in Süddeutschland die Schlagzeile zu lesen war: 


„Schwaben-Hatz in Prenzlauer Berg. Protest gegen Häuslebauer, Schwabenautos brennen!“. 

Wie auch immer sich seither das Berliner Verhältnis zu den schwäbischen Mitmenschen entwickelt hat kann ich nur erahnen, aber eins ist sicher, in dieser Nacht wurde noch so einiges zur innerdeutschen Völkerverständigung beigetragen. 
Gehabt euch wohl, eure Koschka. 
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